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Digital Business

«KI im Webdesign-Prozess: wo sie Wochen spart — und wo sie Projekte verlängert»

KI macht Webprojekte schneller — und gleichzeitig länger. Kein Widerspruch: Sie greift genau an den Stellen an, die ohnehin nie das Nadelöhr waren. Wir gehen den Projektverlauf Phase für Phase durch und rechnen vor, wie Tempogewinn in der Herstellung zu Verzögerung im Kalender wird.

Daniel Müller11 Min. Lesezeit
«KI im Webdesign-Prozess: wo sie Wochen spart — und wo sie Projekte verlängert»

KI spart in einem Webdesign-Projekt zuverlässig Zeit in Entwurf, Rohtext und Umsetzung — und verlängert ebenso zuverlässig Faktenprüfung, Barrierefreiheitsarbeit und Freigabe. Ob ein Projekt unter dem Strich kürzer wird, entscheidet deshalb nicht das Werkzeug, sondern die Frage, ob die verlängernden Phasen vorher geregelt wurden.

Das erklärt eine Beobachtung, die viele Auftraggeberinnen und Auftraggeber irritiert: Die Agentur arbeitet sichtbar schneller, die Website geht trotzdem nicht früher live. Der Grund ist keine Ausrede, sondern Arithmetik. Ein Webprojekt besteht nur zu einem Teil aus Herstellung. Der Rest ist Beschaffen, Entscheiden und Freigeben — und genau dort setzt KI nicht an. Dieser Artikel geht den Projektverlauf Phase für Phase durch, benennt für jede den tatsächlichen Effekt und rechnet am Ende vor, wie ein beschleunigtes Projekt trotzdem drei Wochen später fertig wird.

Warum Tempogewinn und Projektdauer auseinanderfallen

Ein Webprojekt wird nicht dadurch kürzer, dass die Produktion schneller wird, weil die Produktion selten der Engpass ist. Die längsten Abschnitte in fast jedem Projekt sind Wartezeiten: auf Inhalte aus den Fachabteilungen, auf eine Entscheidung der Geschäftsleitung, auf die Rückmeldung von jemandem, der zwei Wochen in den Ferien ist.

Die Datenlage stützt das Bild, dass KI ein Verstärker ist und kein Beschleuniger im engeren Sinn. Der DORA-Report 2025 von Google Cloud, der auf rund 5'000 Antworten aus der Softwarebranche beruht, beschreibt KI ausdrücklich als Verstärker der bestehenden organisatorischen Stärken und Schwächen: Starke Teams werden besser, schwache Teams sehen ihre Probleme deutlicher. 90 Prozent der Befragten nutzen KI, im Median zwei Stunden am Arbeitstag, und über 80 Prozent berichten von höherer Produktivität. Gleichzeitig liegt das Vertrauen niedrig — nur 24 Prozent bringen den Ergebnissen viel Vertrauen entgegen, 30 Prozent wenig oder gar keines.

Wie stark die gefühlte Beschleunigung von der gemessenen abweichen kann, zeigt eine kontrollierte Studie der Forschungsorganisation METR vom Juli 2025: 16 erfahrene Open-Source-Entwickler bearbeiteten 246 Aufgaben in ihren eigenen, gewachsenen Projekten, zufällig zugeteilt mit oder ohne KI-Werkzeuge. Mit KI brauchten sie im Schnitt 19 Prozent länger — schätzten hinterher aber, 20 Prozent schneller gewesen zu sein. METR selbst bezeichnet das Ergebnis inzwischen als historisch, weil sich Werkzeuge und Arbeitsweisen seither verändert haben. Die brauchbare Lehre daraus ist nicht «KI macht langsamer», sondern: Der eigene Eindruck ist als Messgrösse ungeeignet. Wer wissen will, ob ein Projekt schneller wird, muss den Kalender ansehen, nicht das Gefühl.

Phase 1 und 2: Ziele und Konzept — hier spart KI am wenigsten

In der Discovery- und Konzeptphase spart KI kaum Zeit, weil die entscheidenden Informationen im Unternehmen liegen und nicht im Modell. Wer die Zielgruppen sind, welche Anfragen wirklich eintreffen, warum Kunden absagen, welches Angebot Marge bringt — das weiss der Betrieb, und es lässt sich nicht generieren.

Was KI hier leistet, ist Vorbereitung: Fragenkataloge für Workshops, eine erste Strukturhypothese aus vorhandenen Unterlagen, eine grobe Konkurrenzübersicht. Das nimmt Vorbereitungsstunden weg, verkürzt aber nicht den Termin selbst und nicht die Zeit, bis alle Beteiligten dasselbe Bild haben. Wer diese Phase mit dem Argument kürzt, KI könne das übernehmen, verlagert die Klärung nur nach hinten — und dort kostet sie ein Vielfaches. Für Unternehmen, die diese Klärung ohne eigenes Digitalteam führen müssen, ist genau das der Punkt, an dem sich eine externe KI-Beratung rechnet: nicht beim Bauen, sondern beim Entscheiden.

Phase 3: Inhalt — die grösste echte Ersparnis

Die grösste belastbare Zeitersparnis liegt in der Inhaltsphase, und zwar nicht dort, wo man sie erwartet. Der Gewinn entsteht nicht durch fertigen Text, sondern durch die Beseitigung des leeren Blatts.

Der klassische Ablauf sieht so aus: Die Agentur bittet die Fachabteilung um Texte für sechs Leistungsseiten. Die Fachabteilung hat Tagesgeschäft. Nach drei Wochen kommen zwei Seiten, davon eine als Stichwortliste. Der neue Ablauf dreht die Richtung um: Aus einem dreissigminütigen Gespräch, alten Offerten und der bestehenden Seite entsteht ein Rohentwurf, den die Fachperson korrigiert statt schreibt. Fachleute korrigieren erheblich schneller, als sie formulieren — und sie korrigieren tatsächlich, während sie das Schreiben verschieben.

Die Bedingung dafür ist unverhandelbar: Der Entwurf muss als Entwurf behandelt werden. Wer einen generierten Text ungeprüft übernimmt, weil er gut klingt, kauft sich die Probleme der Abnahmephase ein. Und er riskiert einen Auftritt, dessen Sprache austauschbar ist — woran man das erkennt, haben wir in KI-Texte erkennen aufgeschrieben.

Diktieren statt schreiben lassen

Der schnellste Weg zu echtem, eigenem Inhalt: Lass die Fachperson zwanzig Minuten frei über ihr Thema sprechen, transkribiere die Aufnahme und gib das Transkript als Rohmaterial in die Textarbeit. Das Ergebnis enthält reale Beispiele, echte Einwände und die Sprache der Branche — genau das, was ein Modell ohne dieses Material erfinden müsste. Der Aufwand für die Fachperson sinkt gegenüber dem Schreiben um ein Vielfaches, die Substanz steigt.

Phase 4: Design und Umsetzung — schnell, mit versteckter Nacharbeit

In Design und Umsetzung wirkt KI klar verkürzend, aber der Nettogewinn ist kleiner als der Bruttogewinn, weil ein Teil der eingesparten Zeit in Prüfung zurückfliesst. Layoutvarianten, Komponenten, Bildentwürfe und Standardabläufe entstehen in einem Bruchteil der früheren Zeit. Was dazukommt, ist die Durchsicht: Code, den man nicht selbst geschrieben hat, muss man lesen, bevor man ihm traut.

Zwei Effekte fallen in dieser Phase besonders ins Gewicht. Erstens die Variantenfalle: Weil Alternativen fast nichts mehr kosten, entstehen sie in Mengen — und jede zusätzliche Variante, die in eine Abstimmung geht, erzeugt eine zusätzliche Meinungsrunde. Zweitens die Konsistenzfalle: Einzeln generierte Abschnitte sehen für sich gut aus und passen als Ganzes nicht zusammen, weil Abstände, Schriftgrössen und Farbabstufungen leicht auseinanderlaufen. Beides ist beherrschbar, aber nur mit einem vorher festgelegten Gestaltungssystem — der Glossareintrag zum Design System erklärt, was dazugehört.

Wie sich dieser Teil des Projekts konkret organisieren lässt, wenn KI von Anfang an im Werkzeugkasten liegt, beschreiben wir auf unserer Seite zur Arbeit als Vibe-Coding-Agentur.

Phase 5: Abnahme und Test — hier verlängern sich Projekte

Die Abnahmephase wird durch KI systematisch länger, weil generierte Inhalte den teuersten Fehlertyp produzieren: den plausiblen. Ein offensichtlich falscher Satz fällt jedem auf. Ein Satz, der stimmig klingt, eine Zahl nennt, die niemand kennt, und eine Zusicherung enthält, die niemand geprüft hat, geht durch drei Korrekturschleifen unbemerkt hindurch.

Die Stack-Overflow-Entwicklerbefragung 2025 benennt genau diese Reibung als Hauptproblem im Alltag: 66 Prozent der Befragten kämpfen mit KI-Ergebnissen, die «fast, aber nicht ganz» richtig sind. Das Misstrauen gegenüber der Genauigkeit ist im selben Zeitraum deutlich gestiegen, von 31 auf 46 Prozent. Für ein Webprojekt heisst das: Faktenprüfung wird zu einem eigenständigen, geplanten Arbeitspaket statt zu einem Nebeneffekt des Korrekturlesens.

Dazu kommt der zweite Verlängerer: Barrierefreiheit und Rechtstexte. Beides erfüllt generierter Code und generierter Text nur zufällig, und beides ist seit dem European Accessibility Act, der am 28. Juni 2025 anwendbar wurde, für Anbieter mit EU-Kundschaft nicht mehr optional — die Norm EN 301 549 verweist für Webinhalte auf WCAG 2.1 Stufe AA. Wer diese Arbeit erst in der Abnahme entdeckt, verliert Wochen. Was inhaltlich dahintersteckt, steht in unserem Eintrag zur digitalen Barrierefreiheit; ob die Seite für echte Menschen bedienbar ist, klärt sich ohnehin erst im Usability-Test.

Die Phasen im Überblick

Von sieben Projektphasen verkürzt KI drei deutlich, verlängert drei und lässt eine unverändert — die Verteilung, nicht die Summe, ist der eigentliche Effekt.

ProjektphaseEffekt von KIGrund
Ziele und Zielgruppen klärenneutralDie Information liegt im Betrieb, nicht im Modell
Struktur und Rohtextestark verkürzendDer Entwurf ersetzt das leere Blatt
Bild- und LayoutentwürfeverkürzendVarianten kosten Minuten statt Tage
Frontend-Umsetzungverkürzend, mit NacharbeitCode entsteht schnell, Durchsicht braucht Zeit
Fachliche Korrektheit prüfenverlängerndPlausibler Text muss Satz für Satz geprüft werden
Barrierefreiheit und RechtstexteverlängerndGeneriertes erfüllt die Anforderungen nur zufällig
FreigaberundenverlängerndMehr Varianten, mehr Meinungen, mehr Runden

Die Rechnung: fünf Tage gespart, sechzehn verloren

Ein durchgerechnetes Beispiel zeigt, wie ein beschleunigtes Projekt trotzdem später fertig wird. Angenommen, die Umsetzung einer mittleren Website dauert statt 25 nur 20 Arbeitstage — fünf Tage Ersparnis, ein realistischer Wert. Gleichzeitig liegen dem Auftraggeber statt zwei Entwürfen sechs vor, weil Varianten nichts mehr kosten.

Jede Freigaberunde kostet in diesem Betrieb erfahrungsgemäss vier Arbeitstage: einen Tag Sichtung, zwei Tage bis alle Beteiligten geantwortet haben, einen Tag Einarbeitung. Bei zwei Runden sind das 8 Arbeitstage, bei sechs Runden 24. Die Differenz beträgt 16 Arbeitstage.

PostenVorherMit KIDifferenz
Umsetzung25 Tage20 Tage−5 Tage
Freigaberunden (4 Tage je Runde)2 Runden = 8 Tage6 Runden = 24 Tage+16 Tage
Kalender gesamt33 Tage44 Tage+11 Tage

Elf Arbeitstage sind gut zwei Wochen. Das Projekt war in jeder einzelnen Herstellungsstunde schneller und ist im Kalender später fertig. Die Zahlen sind ein Rechenbeispiel und keine Messung — die Struktur dahinter sehen wir in Projekten jedoch regelmässig, und sie ist der häufigste Grund, warum der versprochene Tempogewinn nicht ankommt.

Varianten sind eine Entscheidung, keine Einladung

Sobald mehr als drei Entwürfe in eine Abstimmung gehen, verschiebt sich das Gespräch von «erfüllt das den Zweck» zu «welcher gefällt mir besser». Das ist die teuerste Frage in jedem Webprojekt, weil sie kein Abbruchkriterium kennt. Lege vor der ersten Präsentation fest, wie viele Varianten gezeigt werden, wer entscheidet und bis wann — und behandle zusätzliche Varianten als das, was sie sind: eine Änderung am Projektumfang.

Wie du den Zeitgewinn behältst

Der Tempogewinn kommt im Kalender an, wenn drei Dinge vor Projektstart festgelegt sind. Sie kosten eine halbe Stunde und sind wirksamer als jede Werkzeugentscheidung.

  1. Eine Person entscheidet inhaltlich. Nicht ein Gremium, nicht «wir schauen dann». Diese Person gibt frei, prüft Fakten und ist erreichbar. Ohne sie skaliert die Variantenvielfalt direkt in die Freigabedauer.
  2. Freigaberunden sind gezählt und terminiert. Zwei Runden mit Datum, jede mit einer Frist. Was in einer Runde nicht kommt, kommt in die nächste Version nach dem Livegang. Das ist unbequem und rettet mehr Projekte als jede andere Regel.
  3. Prüfung ist ein Arbeitspaket, kein Nebenprodukt. Faktenprüfung, Barrierefreiheit und Rechtstexte bekommen eigene Zeilen im Plan, mit eigener Zeit und eigener Verantwortung — genau die Posten, die auch die Kalkulation auf unserer Seite zu den Webdesign-Preisen trägt.

Für Vorhaben, bei denen noch nicht feststeht, ob die Richtung überhaupt stimmt, gibt es eine vierte Möglichkeit: erst eine kleine, echte Version bauen und an echten Nutzern prüfen, bevor das ganze Projekt startet. Wie das abläuft und wo es sich rechnet, steht auf unserer Seite zur Prototyp-Validierung — bei uns ab CHF 10'000. Welche Bauschritte dabei sinnvoll an KI gehen und welche nicht, haben wir in Websites mit KI bauen im Detail getrennt.

KI verändert im Webdesign-Prozess nicht die Dauer, sondern die Verteilung: Herstellung wird billiger, Entscheiden und Prüfen werden dadurch relativ teurer. Wer das akzeptiert und die gewonnene Zeit gezielt in Faktenprüfung, Barrierefreiheit und klare Freigaben umlenkt, bekommt ein Projekt, das sowohl schneller als auch besser ist. Wer den Gewinn dagegen als Rabatt einstreicht und die Prüfphasen unverändert lässt, bekommt mehr Material, mehr Meinungen und einen längeren Kalender. Das Werkzeug entscheidet das nicht — die Spielregeln davor tun es.

Häufige Fragen

Wird ein Webprojekt mit KI insgesamt schneller?+

Die Herstellung ja, der Kalender oft nicht. KI verkürzt Entwurf, Rohtext und Umsetzung deutlich, verändert aber die zwei grössten Zeitfresser eines Webprojekts nicht: das Beschaffen echter Inhalte aus dem Unternehmen und die Freigaberunden mit den Beteiligten. Wenn beides ungeregelt bleibt, frisst die zusätzliche Variantenvielfalt den Tempogewinn wieder auf.

In welcher Phase spart KI am meisten?+

In der Inhaltsphase, und zwar nicht durch fertigen Text, sondern durch den ersten Entwurf. Der teuerste Zustand in jedem Webprojekt ist das leere Blatt: Eine Fachperson korrigiert schneller, als sie formuliert. Ein brauchbarer Rohtext, den jemand aus dem Fach in dreissig Minuten schärft, ersetzt regelmässig mehrere Tage Wartezeit auf einen Beitrag, der sonst nie geschrieben wird.

Warum verlängert KI die Abnahmephase?+

Weil generierter Inhalt flüssig und selbstsicher klingt, auch wenn er falsch ist. Die Stack-Overflow-Entwicklerbefragung 2025 nennt genau das als häufigste Reibung: 66 Prozent der Befragten kämpfen mit Ergebnissen, die fast, aber eben nicht ganz stimmen. In einem Webprojekt heisst das, dass jede Zahl, jede Referenz und jede rechtliche Aussage einzeln geprüft werden muss — und das dauert länger als bei einem Text, den ein Mensch bewusst geschrieben hat.

Wie behalte ich den Zeitgewinn im Projekt?+

Mit drei Festlegungen vor dem Start: eine benannte Person, die inhaltlich entscheidet, eine feste Zahl von Freigaberunden mit Datum, und die Regel, dass Varianten der Auswahl dienen und nicht der Diskussion. Ohne diese Leitplanken erzeugt KI vor allem mehr Material, über das mehr Leute mehr Meinungen haben — und das ist die zuverlässigste Art, ein Projekt zu verlängern.

Über den Autor

Daniel Müller

Senior Developer & SEO-Stratege

Daniel Müller ist Senior Developer und SEO-Stratege bei DLM Digital in Zürich. Mit über 10 Jahren Erfahrung in Webentwicklung, SEO, GEO/AEO und KI-Integration begleitet er Schweizer KMU bei der digitalen Transformation. Im DLM Magazin schreibt er über KI, Vibe Coding und moderne Suchmaschinen-Sichtbarkeit.

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